Stefan Heym traf John Heartfield

Stephan Heym NachrufStefan Heym (1913-2001), traf John Heartfield in Prag und London und später auch in der DDR und schreibt darüber in seinem Buch “Nachruf”, C. Bertelsmann Verlag München 1988.

Stefan Heym emigriert 1933  in die Tschechei und trifft dort auch Wieland Herzfelde und John Heartfield. Im Café Continental am Graben trifft sich allabendlich eine Anzahl exilierter deutscher Schriftsteller, in der Mehrheit Kommunisten oder Symphatisanten. Stefan Heym ist eher zufällig in den Kreis geraten über den Verleger Wieland Herzfelde, den er bereits in Berlin kennen lernte.

«… Auf der hartgepolsterten Bank an der einen Seite des Tisches saß F. C. Weiskopf, den bleichen Kopf stets etwas seitlich geneigt, um die dünnen Lippen ein permanentes Halblächeln; Weiskopf war ein stilistisch hervorragender, wenn auch nicht immer sehr phantasievoller Schriftsteller, von dem sich viel lernen ließ. Tschechoslowakischer Bürger, hatte er nicht die Probleme mit Amtsstellen, unter denen andere Emigranten in Prag litten; aber anpumpen konnte man ihn auch nicht. In dieser Beziehung war sein Schwager Herzfelde, ihm gegenüber placiert, nützlicher – die beiden hatten Schwestern geheiratet, die einander haßten, der Franz Weiskopf die rundliche Grete, Wieland die spitznasige, scharfzüngige Trudi. Wieland gab mit Geldern, die teilweise wohl noch seinem Berliner Malik-Verlag entstammten, die Neuen Deutschen Blätter heraus, die niveauvollste und klarsichtigste literarische Zeitschrift der Emigration, aber ein Verlustgeschäft, und ließ sich gelegentlich einen nicht sehr hohen Vorschuß aus der Tasche ziehen. Ihnen gesellte sich häufig der längst vergessene Albin Stübs hinzu, ein vermuffelter Mensch, der den Proleten herauskehrte und spitze Bemerkungen über S. H. machte, weil der überall gedruckt wurde und er nicht. …

Der Farbigste und zugleich Lärmendste in der Runde war jedoch John Heartfield, Wielands Bruder. Johnnie, der Erfinder und Meister der Kunst der Photomontage, der einem Konterfei Hitlers ein Rückgrat aus Goldstücken einzauberte oder einem riesigen Dimitroff einen aufgeplusterten Zwerg Göring gegenüberstellte, hatte seinen Taufnamen im ersten Weltkrieg anglisiert, aus Antipathie gegen den Kaiser und gegen den deutschen Hurra-Patriotismus. Er war, S. H. spürte das sofort und stellte sich darauf ein, ein Genie. Zierlich von Figur, trug er den schmalen Kopf mit dem kurz geschnittenen, rötlichen Haar trotzig hochgereckt, schob das energische Kinn vor und ließ den intensiven Blick seiner großen, grauen Augen auf Freund wie Gegner wirken. Man war dann schon entsprechend verschreckt, bevor Johnnie mit seiner stets leicht krähenden Stimme anhub, seine Argumente zu entwickeln, die so originell waren wie die Ideen für seine Montagen und oft genug noch leicht verrückt dazu. S. H., so groß sein Respekt für John Heartfield auch war und so sehr er ihn gerade wegen seiner Eigenheiten liebte, ließ sich von ihm dauernd in Streitereien verwickeln, und nicht selten kam es vor, daß sie beide nach Mitternacht noch, nachdem das Continental längst geschlossen hatte und der Imbiß im Koruna-Automaten verspeist war, auf dem Graben hin und her liefen und heftig aufeinander einredeten, sehr zur Überraschung und wohl auch zum Gaudi der tschechischen Passanten.»

Eine Wiederbegegnung mit John Heartfield findet 1944 in London statt. Stefan Heym jetzt Mitglied der US-Army zieht in den Krieg.

«… Anders, und weniger belastet mit nicht Greifbarem, die Wiederbegegnung mit John Heartfield.

Johnnie, so hat er erfahren, lebt mit seiner Frau Tutti irgendwo in der Nähe von Hempstead Heath; wovon, weiß der Teufel, denn wo gibt es noch Blätter, die seine Photomontagen drucken würden. Eines Sonntagnachmittags – es wird der letzte sein in London auf Jahre hinaus, aber das weiß er noch nicht – sucht S. H. die beiden auf.

Sie leben in Armut; aber die Freude ist groß, Johnnie hat Tränen in den Augen bei der Begrüßung; dann gibt es Tee zu den Chocolate Bars aus dem PX und den süßen Biskuits aus den Feldrationen, die er mitgebracht hat, und wieder, kaum sind die Tassen geleert, beginnt der Streit zwischen ihnen, als hätte sich nichts ereignet seit den Nächten damals auf dem Graben zu Prag: Johnnies Thesen, wie unhaltbar sie auch sein mögen, darf immer noch keiner anfechten, und S. H. ist ebenso rechthaberisch, besonders wenn er sich unsicher fühlt und von Zweifeln geplagt wie in dieser Zeit, und erst als Frau Tutti, mit ihrer Stupsnase und ihren freundlichen rosa Bäckchen alles andere als ein intellektueller Typ, sie fortschickt, um Kaninchenfutter zu sammeln, zieht Frieden ein in die erregten Gemüter der zwei Freunde, und sie streunen einträchtig über Hempstead Heath, und Johnnie spricht von den Gräsern und Kräutern, welche die Tierchen am liebsten mögen, vom Löwenzahn besonders, und wie notwendig es bei dem Mangel an Fleisch doch sei, irgendein Viehzeug zu züchten; und mit der Rückkehr, auf dem Balkon, darf S. H. die Reihen von Kisten besichtigen, in denen, bewahrt hinter Drahtgeflecht, Johnnies Kaninchen, junge und alte, wohlgenährt vor sich hinmümmeln, und sogar füttern darf er sie.
Doch als er sich erkundigt, welches der Biester als nächstes in die Bratpfanne kommen soll, erklärt Johnnie mit schmerzlicher Miene, das sei ja das Problem: sie wären ihm samt und sonders ans Herz gewachsen und er brächte es nicht fertig, auch nur eines schlachten zu lassen, geschweige denn zu verspeisen; unglücklicherweise werde es immer schwieriger, sie zu versorgen.

John Heartfield war ein großer Künstler und ein guter Hasser, der in seinen Photomontagen die Widersprüchlichkeit seiner Zeit und ihren Horror durch das Mit- und Gegeneinander widersprüchlicher Elemente höchst einprägsam zum Ausdruck brachte. Leider hat er keine Schüler gehabt, und seine Nachahmer erreichten ihn nie, so daß seine Kunst mit ihm, der sie erdachte und gestaltete, zugleich ihren Höhepunkt erreichte und ihr Ende fand. Ich aber werde ihn immer sehen, wie er da auf seinem Balkon sitzt, schuldbewußt lächelnd, weil er in bitterer Zeit lieber aufs Sattessen verzichtete, als das er ein Lebewesen tötete, das er von klein auf ernährt und gepflegt hatte.  … »

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