Geschichte des Hauses

Das Waldgrundstück mit Sommerhaus, Foto: Heartfield-Archiv AdK

„Lieber Johnny,
eigentlich müssten deine Freunde mit dir ganz andere Seiten aufziehen. Es scheint Dir nachgerade zur Gewohnheit zu werden, sie durch die Folgen Deines unqualifizierbaren Herumrasens in Schrecken und wirklichen Kummer zu versetzen. Stop that, young man! Ernst beiseite: Du solltest dieses absurde Leipziger Klima endlich mit dem berühmt guten hier vertauschen. Wie ist es damit? Sollen wir uns in der Nähe Berlins umschauen? Wäre so was wie Buckow zu weit weg (60km)? Hier käme man auch zu einigen Gesprächen am Kamin“
Herzlich Dein Brecht
Berlin, 8.Dez. 1952

 

Nach der Rückkehr aus der Emigration in England im Jahre 1950 lebten Gertrud und John Heartfield vorerst in Leipzig. Auf Anraten Bertolt Brechts besuchte der gesundheitlich schwer angeschlagene Heartfield 1953 die Märkische Schweiz und fühlte sich hier sehr wohl. Seitdem verbrachte er seine freien Wochenenden in unregelmäßigen Abständen als Sommergast in der Märkischen Schweiz und besuchte auch Waldsieverdorf.

John und Gertrud Heartfield gefiel die Gegend um den Großen Däbersee so gut, dass sie anfänglich sogar ihre ständige Niederlassung in Waldsieversdorf erwogen. Bertolt Brecht bekräftigte ihn in diesem Vorhaben.

Das Haus ist fertig, noch mit offener Veranda. Steine für den Brunnen liegen bereit. Bob, Jolanda, Eva zu Gast bei Tutti und Johnny. Fotos Heartfield-Archiv AdK und Bob Sondermeijer

1956 konnte John Heartfield ein Grundstück am Ostufer des Großen Däbersees pachten. Er kaufte etwa ein Drittel einer einstigen Sanitätsbaracke des Strausberger Flugplatzes. Abbau, Transport und Wiederaufbau erfolgten im Frühjahr 1957.

Probeheizen! John Heartfield und der Ofensetzmeister Max Parlow aus Waldsieversdorf. Die Fotos haben wir 2019 von den Nachfahren Max Parlows erhalten.

Nach genauen Anweisungen von John Heartfield entstand aus den Barackenteilen ein ganz individuell gestaltetes Haus. Große Kastenfenster, Vitrinenschränke, ein dickbauchiger Kamin, ein Wintergarten mit darüber liegender Dachterrasse und viele individuelle Details wie Taube, Mond, Eichhörnchen und ein Türmchen mit Glocke, ließen das Haus zu etwas Besonderem werden. Der Schlosser Richard Jahn baute die Gardinenstangen, die Taube auf dem Kinderhaus, das Eichhörnchen als Wetterfahne und vom Töpfer Parlow stammt der Kamin.  Heinz Goldstein erledigte verschiedene Handwerker arbeiten, pflegte den Garten und heizte das Haus in der kalten Jahreszeit an, bevor Johnny eintraf.

Taube und Sonne am Kinderhaus, ein Kamin mit Krone und Gardinenstangen mit Blättern.

“Das Jahresende 1961 verbrachte ich in der DDR. Zusammen mit John und Tutti Heartfield sowie ihrem Hund Adam fuhr ich am 31. Dezember vormittags nach Waldsieversdorf. … Das Häuschen, das mitten im Wald am Ufer eines kleinen Sees lag, war zauberhaft, aber ungeheizt und deshalb eiskalt. Ich sah mich erst einmal um. Die drei Zimmer waren geschmackvoll und urgemütlich eingerichtet, die Farben der Bezüge, Kissen, Tapeten etc. aufeinander abgestimmt, und durch die großen Fenster mit entzückenden Gardinen sowie Rolljalousien fiel ausreichend Licht in die Räume. Das ganze Anwesen mit hölzernen Pflanzentrögen auf der Veranda und ein Springbrunnen im Garten wirkte wie eine Idylle, wie ein Märchenschlösschen auf mich. Wer hätte gedacht, dass der große sozialkritische Künstler und Urheber bissiger Fotomontagen sich in einer solchen Idylle heimisch fühlte und untröstlich war, als er bemerkte, dass ihm ein Kaktus erfroren war! Direkt nach unserer Ankunft inspizierte Tutti die sorgfältig abgedeckten Beete und fütterte die Vögel; dann gingen wir alle zusammen spazieren. Es war ein grauverhangener Tag, der einen ganz eigenen Zauber hatte. Zum ersten Mal bemerkte ich, wie sehr John den Wald, die Natur liebte. Bevor wir am Nachmittag zurück nach Berlin fuhren, verteilte Tutti liebevoll Neujahrsgeschenke an die Nachbarskinder.“

Eva Siao: China mein Traum, mein Leben. ECON Taschenbuch Verlag, Düsseldorf 1995

 

Vorwiegend in den Sommermonaten lebten und erholten sich die Heartfields in Waldsieversdorf. Auch die Enkel Bob und Jolanda Sondermeijer waren des öfteren in Waldsieversdorf zu Gast.

„Wann und wo man ihn traf, fast immer war er in Eile, in Aufregung, in Zeitnot. Ausgenommen die Sommertage, die er mit seiner Frau in dem Waldhäuschen verbrachte, wo er zwischen Bäumen, Blumen und seltenen Dingen gewissermaßen eine zweite, eine glücklichere Kindheit erlebte. Manche seiner Freunde und Besucher, auch seine beiden Kinder und zwei Enkelkinder, wissen davon zu erzählen.“

Wieland Herzfelde: Immergrün.
Merkwürdige Erlebnisse und Erfahrungen eines fröhlichen Waisenknaben, Berlin 1949.

 

Nach John Heartfields Tod im Frühjahr 1968 nutzte Gertrud Heartfield das Häuschen noch weitere 14 Jahre bis zu ihrem Tode im Dezember 1983.

Danach ging der gesamte Nachlass Heartfields in den Besitz der Akademie der Künste der DDR über. Die Akademie der Künste der DDR nutzte das Haus als Ferienobjekt. Mit der Wiedervereinigung ging das Grundstück in den Besitz des Landes Brandenburg über und konnte nach Klärung von Rückführungsansprüchen von der Gemeinde Waldsieversdorf 2008 erworben werden.

2003: Das ehemals sehr gepflegte Grundstück verwildert, Wege und Terrasse sind verschwunden unter dem Waldboden. Die Eigentumsverhältnisse sind ungeklärt. Die Gemeinde kann nur Sicherungsarbeiten ausführen.

Im September 2008 organisierte der Freundeskreis mit Unterstützung des Komponisten Helmut Oehring und der Akademie der Künste die erste Veranstaltung auf dem Heartfield-Grundstück. 2009 bereits, wurde das unsanierte Haus von Mai bis Oktober an den Wochenenden geöffnet und Werke zeitgenössischer Künstler, die in Beziehung zum Schaffen John Heartfields stehen, gezeigt.
Von April bis August 2010 konnte das Haus mit Mitteln des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes endlich saniert werden.

2010: Komplett erneuert wird das Dach, die Dachterrasse, die Treppe zur Terrasse, die Fußböden und zwei Holzjalousien. Ursprüngliche Farbanstriche werden wieder hergestellt.

Der Sanierungsaufwand beim Kinderhaus ist höher als geplant.

2010: Der Weg um das Haus, die Treppe und der Brunnenrand werden erneuert. Die Funktion als Springbrunnen wird nicht wieder hergestellt.

Im Zuge der Sanierung erfolgte eine restauratorische Untersuchung der Fassade und der Innenräume. Die ursprünglichen leuchtenden Farbtöne wurden wieder hergestellt. Dabei wurde auch festgestellt, dass in den Vitrinen noch der farblich wunderschöne Originalanstrich vorlag. Die Fensterläden sind heute wieder hellblau und ersetzen das zwischenzeitlich triste Braun.

Die Rekonstruktion des Kaminzimmers wurde durch die Museologin Ireen-Kristin Zielonka erarbeitet, mit dem Ziel einen historisch unverfälschten Eindruck zu erstellen. Die Quellenlage basiert hauptsächlich auf historischen Fotografien unterschiedlichen Datums, Fotografien ohne Datumsangabe und Inventarlisten von 1986 im Archiv der Akademie der Künste. Es liegen 53 Jahre zwischen dem Erwerb des Grundstücks und dem Versuch einer Rekonstruktion 2010, die den Zustand in der Zeit zwischen 1957 und 1968 wieder herstellen soll. Ein großer Teil der ehemaligen Einrichtung wurde dem Freundeskreis als Leihgabe vom Archiv der Akademie der Künste übergeben.

September 2010: Die Sanierung ist abgeschlossen. Dem Freundeskreis wird die Nutzung des Hauses als Erinnerungs- und Begegnungsstätte übertragen.

Durch die langjährigen Bemühungen der Gemeinde Waldsieversdorf, dem 2003 gegründeten Freundeskreis John Heartfield und der Akademie der Künste konnte das seit 2003 unter Denkmalschutz stehende Sommer- und Kinderhaus vor dem weiteren Verfall bewahrt und darüber hinaus eine würdige Erinnerungs- und Begegnungsstätte geschaffen werden. Anlässlich der festlichen Wiedereröffnung nach Sanierung am 04.09.2010 wurde dem Freundeskreis John Heartfield Waldsieversdorf e. V. die weitere Nutzung übertragen.