Duo im Goldrausch, Programm, Komponist

Duo im Goldrausch (Sabina Matthus-Bébié, Klarinette & Felix Kroll, Akkordeon)

Duo im Goldrausch (Sabina Matthus-Bébié, Klarinette & Felix Kroll, Akkordeon)

Die Musiker
Das »Duo im Goldrausch« gründete sich 2014 mit dem Projekt, die Goldbergvariationen für die Besetzung Klarinette und Akkordeon zu arrangieren. Dabei haben sie die Vorteile der klanglichen Ähnlichkeit der Instrumente ausgenutzt, um das musikalisch sehr komplexe und dichte Werk Bachs noch transparenter interpretieren zu können.
Gleichzeitig setzen sich die beiden Musiker sehr für die Neue Musik ein und so brachten sie 2015 das Auftragswerk von Helmut Oehring »Come not near« zur Uraufführung.

Sabina Matthus-Bébié, Klarinette (Schweiz)

Sabina Matthus-Bébié wurde 1975 in San José, Costa Rica geboren. Sie wuchs in Thun, Schweiz auf und machte da ihre erste Ausbildung als Primarlehrerin. Sie studierte danach Klarinette und Bassklarinette an der Hochschule für Musik und Theater Bern/Biel bei Ernesto Molinari. Seit Juli 2004 lebt und arbeitet sie in Netzeband, Ostprignitz und unterrichtet Klarinette und Saxophon an der Kreismusikschule Neuruppin. Sie hat für die Kammeroper Schloss Rheinsberg 2004 in „Abyssus – Gregorianische Gesänge und Jazzimprovisation“ mitgewirkt und Orchester der Opernwerkstatt unter der Leitung von Ingo Ingensand gespielt. 2004 gab sie einen Soloabend mit Werken des 20.Jahrhunderts, unter anderem mit Werken von Luciano Berio, Edison Denissow, Louis Cahuzac, Eric Dolphy und dem „Kleinen Harlekin“ von Karlheinz Stockhausen. Seit 2008 tritt sie regelmäßig beim „Intersonanzen Festival“ Potsdam auf. Der Komponist Peter Francesco Marino hat für sie ein Konzert für Bassklarinette und Streichorchester „Komm süsses Kreuz“ welches am 20.März 2009 in Hannover uraufgeführt wurde, komponiert. 2010 wurde für sie das „Capriccio“ für Klarinette und Klavier von Siegfried Matthus geschrieben. Das Werk hat sie in 2011 uraufgeführt. Seit 2009 leitet sie auch die Kammermusikreihe „Vier Jahreszeiten“ in Netzeband und hat 2011 erstmals mit namhaften Klarinettisten (Theo Nabicht, Ingolfur Vilhjalmsson, Hans Koch, Claudio Puntin und dem Perkussionisten Alexandre Babel) das Projekt Klarinettenfestival „Carte blanche“ ins Leben gerufen.

Felix Kroll, Akkordeon (Deutschland)

Geboren in Ost-Berlin, 3 Jahre vor der Wende, versucht Felix Kroll die Mauer der Vorurteile über sein Instrument zu brechen. Nach fast 6 Jahren intensiven Studiums der klassischen Musik im In-und Ausland (Bremen, Münster und Finnland), widmet er sich voll und ganz dieser Aufgabe in den verschiedensten Projekten. Sein varianten- und spannungsreiches Spiel trifft ebenso in der erfolgreichen Gruppe „Die Grenzgänger“, als auch bei dem Avantgarde-Ensemble „RADAR“ auf fruchtbaren Boden. So verbindet er auf einzigartige Weise Musikrichtungen von Volks- bis hin zur zeitgenössischen Musik und wird der Vielfältigkeit des Akkordeons mit einem breit gefächerten Spektrum gerecht.
Seit April 2014 ist er Lehrbeauftrager an der Hochschule für Musik und Theater Rostock.
Felix Kroll lebt in Berlin und ist Vater von zwei Kindern.

Das geplante Programm am 19.6.2016 in Waldsieversdorf:

Johann Sebastian Bach (1685-1750) – aus den Goldbergvariationen BWV 988
Aria, Variation 1 bis 5
Georg Katzer (1935) – aus 6 Bagatellen – Akkordeon Solo
Bagatelle 1, 2 und 5
Helmut Oehring (1961) – Klee musik – Klarinette Solo
Helmut Oehring (1961) – Come not near (Ausschnitt, II und IV Satz)
Hanns Eisler (1898-1962) – Präludium und Fuge über B-A-C-H

Der Komponist Helmut Oehring über sein Werk:

Grundlage für Come Not Near für Bassklarinette/voc und Akkordeon/voc
ist ein Text von William Shakespeare:

You spotted snakes with double tongue,
Thorny hedgehogs, be not seen;
Newts and blindworms, do to wrong;

Come not near our Fairy …
William Shakespeare, A Midsummernight’s Dream

Nur was nicht ist, ist möglich!
Shakespeares Werk ist ein Schrei. Immer wieder.
Er bewegt und zerreißt den Vorhang, der uns von der Wahrheit trennt –
von der »Unwirklichkeit der Realität und der Verheißung, dass der Felsen der Welt
auf dem Flügel einer Elfe gegründet ist« (Scott Fitzgerald).
Musik ist ein solcher Schrei. Die Verse Shakespeares sind ein solcher Schrei.
Klang entstehender Stille und Stummheit. Erstummung.
Erschwiegenes Bild. Sonnenfinsternis. Ein Dröhnen.
Helmut Oehring

Bei der KLEEmusik und der Verbindung zu Paul Klee ist das Motto zum Werk:

„Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“, (Paul Klee)

Ernst Paul Klee (1879-1940) war ein deutscher Maler und Grafiker, dessen vielseitiges Werk dem Expressionismus, Konstruktivismus, Kubismus, Primitivismus und dem Surrealismus zugeordnet wird.
1933 wird Paul Klee unter dem Regime der Nationalsozialisten mit der Begründung, dass er ein „entarteter Künstler“ sei, von seinem Lehrstuhl in Düsseldorf entlassen. Er emigriert nach Bern und wohnt dort bis zu seinem Tod. Vier Jahre nach seiner Emigration ins Ausland entfernen die Nationalsozialisten 100 seiner Gemälde aus den deutschen Museen. 1940 stirbt Paul Klee in Muralto in der Schweiz.

Zum Komponisten Helmut Oehring
Helmut Oehring wurde 1961 in Ost-Berlin geboren. Lebt und arbeitet in Waldsieversdorf. Zwischen 1992 und 1994 war er Meisterschüler von Georg Katzer an der Akademie der Künste zu Berlin. 1994/95 war er Stipendiat an der Villa Massimo in Rom und erhielt seitdem Auszeichnungen wie den Hanns-Eisler-Preis des Deutschlandsenders Kultur, den Orpheus Kammeroper Preis Italien und den Schneider- Schott-Preis.
Der Hindemith-Preis (1997) und der Arnold-Schönberg-Preis (2008) wurden ihm für sein gesamtes Schaffen verliehen, das heute über 350 Werke nahezu aller Genres umfasst. Im September 2011 veröffentlichte btb/Randomhouse seine Autobiografie Mit anderen Augen. Vom Kind gehörloser Eltern zum Komponisten, die aktuell in seiner Regie als Hörspiel vom SWR produziert wurde (Ursendung 3. November 2015 SWR 2); 2017 folgt die Kinoverfilmung in der Regie von Feo Aladag mit der Musik Helmut Oehrings. Er ist ständiges Jury-Mitglied des Karl-Sczuka-Preises für internationale Hörspielkunst des SWR sowie Mitglied der Akademie der Künste Berlin und der Sächsischen Akademie der Künste.
2015 erhielt Helmut Oehring den Deutschen Musikautorenpreis in der Kategorie Musiktheater und wurde aktuell von der Brandenburger Kulturministerin mit einem Kunst-Preis im Bereich Musik/Komposition 2016 geehrt.
Aktuelle Arbeiten sind u. a. die des Angelus Novus-Zyklus auf Bilder Paul Klees und Texte Walter Benjamins (UA Angelus novus III für Ensemble und Orchester im Juni 2016 mit dem Ensemble Aventure und den Freiburger Philharmonikern), vocANGEL für Sopran, E-Gitarre und Orchester (UA April 2016 mit Marisol Montalvo und den Düsseldorfer Symphonikern, Tonhalle Düsseldorf), Songs of Comfort and Despair (I hate!) (UA April 2016 Oper Kopenhagen) sowie die Kammeroper AGOTA? Die Analphabetin (Gestern/Irgendwo) mit Dagmar Manzel und dem Ensemble Modern (UA Mai 2016 Staatstheater Wiesbaden).
Der Schwerpunkt von Helmut Oehrings Schaffen liegt in der Komposition und musikalisch-szenischen Realisation von Werken im Bereich Oper, Musiktheater und szenisches Konzert, in denen er die Idee eines vokalinstrumentalen Theaters verfolgt, das innerhalb der Neukomposition Einflüsse alter und älterer Musik, von Literatur, bildender Kunst und Philosophie aufgreift und unter Einbeziehung sowohl Elektronischer Medien als auch grenzüberschreitender Künste wie Gebärdensprache, Tanz, Schauspiel, konzipierte/improvisierte Musik, Hörspielkunst, Film und Bildende Kunst, in enger Zusammenarbeit mit Instrumental- und Vokalsolisten ein vielschichtiges und in ständiger Weiterentwicklung befindliches Musiktheater kreiert, das poetische Inhalte und Formen mit dokumentarischen, an der aktuellen Realität orientierten verbindet. Zudem schreibt Helmut Oehring literarische Texte, die integraler Bestandteil seines Musiktheaterschaffens sind.
www.helmutoehring.de

Die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach

Der Titel „Goldberg-Variationen“ entstand durch einen Bericht des ersten Bach-Biographen Johann Nikolaus Forkel. Bach habe das Werk für seinen Gönner Graf Hermann Carl von Keyserlingk in Dresden geschrieben, der an Schlaflosigkeit litt. Um ihm die Zeit in schlaflosen Nächten zu vertreiben, habe sich Keyserlingk ein paar Stücke gewünscht, „die so sanften und etwas muntern Charakters wären”.
Sein Hauscembalist, der damals noch jugendliche Bach-Schüler Johann Gottlieb Goldberg (1727-1756), sollte sie ihm vorspielen. Zum Dank für das vollendete Werk habe Bach einen königlichen Lohn erhalten: „einen goldenen Becher, welcher mit hundert Louisd’or angefüllt war”, das höchste Honorar, das er jemals für eines seiner Werke entgegennehmen durfte.

Georg Katzer

Für Georg Katzer, der nach seinen Studien bei Rudolf Wagner-Régeny, Ruth Zechlin und vor allem bei Hanns Eisler seit 1962 als freischaffender Komponist in Ost-Berlin lebte, bedeutete Komponieren stets auch eine Möglichkeit des stillen ästhetischen Widerstands. In dieser Haltung wußte er sich mit anderen DDR-Komponisten wie Friedrich Schenker, Reiner Bredemeyer, Friedrich Goldmann oder Udo Zimmermann einig. Dieser Widerstand wurde nicht als lautstarke Opposition hinausposaunt, geschah vielmehr subversiv: Die überlieferten musikalischen Gattungen und Genres erfuhren in der kompositorischen Umsetzung entsprechende Veränderungen und Verformungen, die gleichsam als Konterbande in den politisch gewünschten ästhetischen Kodex eingeschmuggelt wurden. Dass Katzer sich diese kritische Haltung allem sogenannten Gesellschaftlichen gegenüber auch nach der Wende bewahrt hat, beweisen die eingangs erwähnten Orchesterwerke. Für Katzer stellte sich die Frage nach den kommunikativen Chancen einer heute komponierten Musik schon zu DDR-Zeiten, sie beschäftigt ihn auch heute noch, wobei er sich, sehr aktuell, in guter und junger Gesellschaft befindet: Viele und gerade jüngere Komponisten suchen den engeren Kontakt zum Musikhörer, verlangen nach einer neuen Rezeptionsfähigkeit ihres Schaffens.
Die „sechs Bagatellen“ wurden 2005 durch Schüler anlässlich Katzers 70sten Geburtstag im Konzerthaus Uraufgeführt.

Hanns Eisler

Die Frage, ob ein Komponist politisch sein darf, wurde von Hanns Eisler eindeutig bejaht. Bereits in den 1920er Jahren sympathisierte er mit sozialistischem und kommunistischem Gedankengut. Das führte zur Abwendung von der elitären Kunstmusik seines Lehrers Arnold Schönberg und schließlich zum offenen Zerwürfnis.
Sowohl Arnold Schönberg als auch sein einstiger Student Hanns Eisler waren vor den Nazis in die USA geflüchtet. Als der „Kommunist“ Eisler 1947 vor den „Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeiten“ zitiert wurde, schrieb Schönberg: „Aber es ist wirklich zu dumm, dass erwachsene Menschen, Künstler, die wahrhaftig Besseres zu sagen haben sollten, sich mit Weltverbesserungstheorien einlassen (…). Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich ihn wie einen dummen Jungen übers Knie legen und ihm 25 heruntermessen und ihn versprechen lassen, dass er nie mehr seinen Mund aufmacht und sich auf Notenschreiben beschränkt.“

Das Streichtrio op. 46 (Präludium und Fuge über B-A-C-H), entstanden 1934, entstand während der Arbeit an der Bühnenmusik zu Berthold Brechts „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“ und ist eine „Studie über eine Zwölfton-Reihe“.
Die Methode der Zwölftonmusik führt bei Schönberg und seinen Schülern in den meisten Fällen zu einer äußerst komplizierten Schreibweise. Die Folge war eine fortschreitende Isolierung von der Hörerschaft. Eisler hat spätestens seit 1927 diese Isolierung der „kompromisslosesten Flügels“ der modernen bürgerlichen Musik theoretisch und praktisch bekämpft, zugleich aber darauf bestanden, jene neue Methode vom Inhaltlichen zu trennen und sie für einige musikalische Genres mit neuen Funktionen und Inhalten nutzbar zu machen.
„Die Wahl des Mottos B-A-C-H bedeutet keine Ehrung Johann Sebastian Bachs, der es nicht notwendig hat, in dieser Weise geehrt zu werden. Die Wahl des Mottos soll vielmehr an die spießbürgerliche Mystik des Durchschnittsmusikers anknüpfen, der oft von Bach nur die Buchstaben B-A-C-H versteht.“, schrieb Eisler in einem seiner Entwürfe.
Eisler hielt es für angebracht, dass bei Aufführungen seiner pädagogischen Stücke – sei es in Musikschulen oder Konservatorien, sei es in musikalischen Klubs oder Konzertsälen – Kommentare zur Problematik der Zwölftonkomposition gegeben werden und Diskussionen „über die eigentümliche Lage der Musik in der heutigen Gesellschaft stattfinden“.

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